Die Geschichte der letzten Jahrzehnte des Osmanischen Reiches ist voller Männer, die dem Staat treu dienten und zugleich Gemeinschaften angehörten, die dieser Staat auszulöschen versuchte. Kâzım İnanç war einer von ihnen: ein kurdischer Offizier, der sein Berufsleben dem osmanischen und später türkischen Militär widmete. Er starb 1938, im Jahr von Atatürks Tod und in einer der repressivsten Phasen des kemalistischen Feldzugs gegen kurdische Identität.

Seine Geschichte steht für einen im frühen zwanzigsten Jahrhundert häufigen Typus: den kurdischen Berufsoffizier, geprägt vom osmanischen militärischen Bildungssystem, erprobt in den Kriegen, die das Reich zerstörten. In der neuen türkischen Republik musste er sich mit den Fähigkeiten und der institutionellen Treue seiner Ausbildung zurechtfinden, während deren Ideologie seine Identität leugnete. Diese Männer bilden den vergessenen Zwischenraum kurdischer Geschichte. Sie waren weder gefeierte Rebellen noch assimilierte Verleugner, sondern etwas Komplexeres: Berufssoldaten, die in einem Staat dienen und überleben wollten, der zugleich Arbeitgeber und Gegner war.

Inhalt

1. Teil 1: Der kurdische Offizier im späten Osmanischen Reich

2. Teil 2: Militärische Ausbildung und frühe Laufbahn

3. Teil 3: Die Kriege des imperialen Zusammenbruchs

4. Teil 4: Kurdische Offiziere in der türkischen Republik

5. Teil 5: Das Vermächtnis

6. Chronologie

7. Literatur

8. Häufige Fragen

Teil 1: Der kurdische Offizier im späten Osmanischen Reich

Das osmanische Militär stand theoretisch allen muslimischen Untertanen unabhängig von ethnischer Herkunft offen. In der Praxis stammte die Offiziersschicht überproportional aus der türkischsprachigen Bevölkerung Anatoliens und des Balkans, jedoch nicht ausschließlich. Albaner, Tscherkessen, Araber und Kurden dienten im Offizierskorps, manche in hohen Positionen. Die kurdische Präsenz war tatsächlich bedeutend, besonders aus den östlichen Provinzen, in denen die Militärschulen ihre Schüler rekrutierten.

In diese Welt wurde Kâzım İnanç 1880 geboren. Ein kurdischer Junge mit den passenden Familienverbindungen und geistigen Fähigkeiten konnte dort eine militärische Laufbahn anstreben, die ihn weit über die Provinzwelt seiner Herkunft hinausführte. Die osmanischen Militärschulen vermittelten militärische Ausbildung und gründliche Bildung in Mathematik, Naturwissenschaften, Sprachen und Verwaltung. Ihre Absolventen wurden damit Teil der imperialen Führungsschicht.

Teil 2: Militärische Ausbildung und frühe Laufbahn

Kâzım İnanç erhielt seine Ausbildung im osmanischen Militärschulsystem, denselben Institutionen, aus denen Mustafa Kemal, Enver Pascha und andere Offiziere hervorgingen, die das Reich durch seine letzten katastrophalen Jahrzehnte führen sollten. Seine kurdische Identität war eine biografische Tatsache, doch seine militärische Prägung war osmanisch: umfassend, technisch anspruchsvoll und auf den Dienst am imperialen Staat ausgerichtet, nicht an einer bestimmten ethnischen Gemeinschaft innerhalb dieses Staates.

Teil 3: Die Kriege des imperialen Zusammenbruchs

Die osmanische Offiziersgeneration Kâzım İnançs erlebte eine Folge militärischer Katastrophen, an denen weniger widerstandsfähige Männer zerbrochen wären. Die Balkankriege von 1912–1913 kosteten das Reich nahezu sein gesamtes europäisches Gebiet und erschütterten die militärische Führung tief. Der Erste Weltkrieg brachte drei weitere Jahre Kämpfe an mehreren Fronten unter extremer Entbehrung gegen insgesamt besser ausgerüstete und versorgte Gegner. Der folgende Unabhängigkeitskrieg war der vierte Konflikt in weniger als einem Jahrzehnt.

In diesen Kriegen dienten kurdische Offiziere wie Kâzım İnanç dem osmanischen und später kemalistischen Militär. Gemeinsam mit türkischen, arabischen, albanischen und tscherkessischen Kameraden verteidigten sie einen Staat, der zugleich ihre Heimat und zunehmend ein Werkzeug der politischen Unterdrückung ihres Volkes war.

Teil 4: Kurdische Offiziere in der türkischen Republik

Die Gründung der türkischen Republik 1923 schuf für kurdische Offiziere, die dem Militär treu gedient hatten, ein grundlegendes Problem. Ihre Ideologie war ausdrücklich türkisch-nationalistisch: Sie leugnete die Kurden als eigenständiges Volk und verlangte, dass alle Bürger sich als türkisch bezeichneten. Für Offiziere, deren Identität im osmanischen Militärschulsystem geprägt worden war, das berufliche Fähigkeiten über ethnische Zugehörigkeit gestellt hatte, war diese ideologische Forderung zutiefst unangenehm.

Der Scheich-Said-Aufstand von 1925 stürzte kurdische Offiziere im türkischen Militär in eine akute Krise. Gegen Männer, die der Sympathie für den Aufstand verdächtigt wurden, wurde ermittelt; sie wurden ihrer Posten enthoben oder verhaftet. Wer blieb, sollte dem türkisch-nationalistischen Staat unmissverständliche Treue beweisen. Das Militär, das kurdische Offiziere aufgrund beruflicher Fähigkeiten aufgenommen hatte, wurde zunehmend zu einer Institution, in der kurdische Identität zum Ausschlussgrund wurde.

Teil 5: Das Vermächtnis

Kâzım İnanç starb 1938, im selben Jahr wie Atatürk und als die Massaker von Dersim eines der blutigsten Kapitel türkischer Repression gegen Kurden abschlossen. Er starb damit am Tiefpunkt kurdischen politischen Lebens in der frühen Republik, als kurdische Identität in der Türkei besonders umfassend unterdrückt wurde. Sein Vermächtnis ist das des kurdischen Berufsoffiziers: eines Mannes im Dienst einer Institution, die seiner Identität letztlich keinen Raum geben konnte. Diesen Widerspruch bewältigte er mit jener stoischen Haltung, die der Militärdienst verlangt.

Chronologie von Kâzım İnanç

1880 – Geburt in den kurdischen Regionen des Osmanischen Reiches.

1900er-Jahre – Ausbildung im osmanischen Militärschulsystem.

1912–1913 – Balkankriege.

1914–1918 – Erster Weltkrieg.

1919–1922 – Türkischer Unabhängigkeitskrieg.

1925 – Scheich-Said-Aufstand; kurdische Offiziere im türkischen Militär geraten in eine Loyalitätskrise.

1938 – Stirbt; im selben Jahr sterben Atatürk und ereignen sich die Massaker von Dersim.

Literatur

1. Zürcher, Erik Jan. Turkey: A Modern History. I.B. Tauris, 2004.

2. McDowall, David. A Modern History of the Kurds. I.B. Tauris, 1996.

3. Olson, Robert. The Emergence of Kurdish Nationalism. University of Texas Press, 1989.

4. Wikipedia-Autoren. Kâzım İnanç. https://en.wikipedia.org/wiki/K%C3%A2z%C4%B1m_%C4%B0nan%C3%A7

Häufige Fragen

Wer war Kâzım İnanç?

Kâzım İnanç (1880–1938) war ein kurdischer Offizier im osmanischen und türkischen Militär während der bewegten Jahre der Balkankriege, des Ersten Weltkriegs, des türkischen Unabhängigkeitskrieges und der frühen Republik. Er steht für die Erfahrung kurdischer Offiziere, die ihr Berufsleben Institutionen widmeten, die zugleich Arbeitgeber und Werkzeuge der politischen Unterdrückung ihres Volkes waren.

Welche Erfahrungen machten kurdische Offiziere in der türkischen Republik?

Kurdische Offiziere in der frühen türkischen Republik standen vor einem grundlegenden Widerspruch: Sie hatten dem Staat durch mehrere Kriege treu gedient, doch die Ideologie der Republik leugnete ihre kurdische Identität. Der Scheich-Said-Aufstand von 1925 schuf eine akute Krise. Der Sympathie Verdächtigte wurden entlassen oder verhaftet, während die Verbliebenen unmissverständliche Treue beweisen mussten. Das Militär, das kurdische Offiziere aus beruflichen Gründen aufgenommen hatte, wurde kurdischer Identität gegenüber zunehmend feindselig.