Jahrhundertelang regierten autonome kurdische Emirate weite Teile des osmanisch-persischen Grenzlandes, weitgehend ohne Einmischung aus Istanbul oder Teheran. Die Emire unterhielten eigene Heere, erhoben eigene Steuern, prägten eigene Münzen und sprachen nach örtlichen Bräuchen Recht. Im frühen neunzehnten Jahrhundert begann das Osmanische Reich jedoch eine Zentralisierungskampagne, die jedes kurdische Emirat systematisch und nacheinander zerstören sollte.
Es folgte eine Reihe von Kriegen, die die kurdische Autonomie im Osmanischen Reich beendeten. Die Baban-Emire leisteten im Zagros Widerstand. Mir Muhammad von Rawanduz versuchte, die kurdischen Emirate mit Gewalt zu vereinen. Bedr Khan Beg von Botan errichtete das größte kurdische Fürstentum der Epoche, bevor osmanische Heere es zerschlugen. Nach dem Fall Botans erhob sich Yezdanser. In den 1850er Jahren war die kurdische Selbstverwaltung in den osmanischen Gebieten beendet. Danach begann das Zeitalter der Aufstände.
Inhaltsverzeichnis
Die Baban-Aufstände (1806–1812)
Mir Muhammad und der Soran-Krieg (1830–1838)
Bedr Khan Beg und der Botan-Aufstand (1842–1847)
Der Yezdanser-Aufstand (1854–1855)
Das Ende der kurdischen Emirate
Die Baban-Aufstände (1806–1812)
Das Baban-Emirat mit Zentrum in Sulaimaniyya und der Schahrazur-Ebene gehörte zu den mächtigsten kurdischen Fürstentümern der späten Osmanenzeit. Die Baban beherrschten die strategische Zone zwischen dem osmanischen Irak und dem Iran der Kadscharen. Beide Reiche umwarben sie und setzten sie abwechselnd unter Druck.
Abdurrahman Pascha Baban begann 1806–1808 einen bewaffneten Aufstand gegen die osmanische Herrschaft. Er widersetzte sich den Versuchen des Paschaliks Bagdad, das Emirat unmittelbar der Reichsverwaltung zu unterstellen. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Babanzade Ahmed Pascha rebellierte jedoch 1812 erneut und zeigte damit, dass die Baban-Emire die Zentralisierung nicht kampflos hinnehmen würden.
Verglichen mit den folgenden Ereignissen waren die Baban-Aufstände örtlich begrenzt. Sie begründeten jedoch das Muster: Die osmanische Zentralisierung schritt voran, kurdische Emire widersetzten sich, das Reich setzte überwältigende Gewalt ein, und das Emirat wurde verkleinert oder beseitigt. In den gesamten 1820er Jahren verstärkte sich der osmanische und kadscharische Druck auf die kurdischen Emirate. Das Baban-Emirat wurde schließlich 1850 abgeschafft und sein Gebiet in das osmanische Provinzsystem eingegliedert.
Mir Muhammad und der Soran-Krieg (1830–1838)
Der ehrgeizigste Versuch, die kurdischen Emirate militärisch zu vereinen, ging von Mir Muhammad von Rawanduz aus. Er war als Mirê Kor, der Blinde Fürst, bekannt und regierte das Soran-Emirat von 1814 bis 1838. Inspiriert von Muhammad Alis erfolgreicher Herausforderung der osmanischen Herrschaft in Ägypten, begann Mir Muhammad einen Feldzug, um ganz Kurdistan unter einem einzigen kurdischen Herrscher zusammenzuführen.
Zwischen 1830 und 1834 eroberte Mir Muhammad ein Emirat nach dem anderen. Er nahm 1831 das Bahdinan-Emirat und dessen Hauptstadt Amedi ein. Dann rückte er nach Westen vor, eroberte Akre und dehnte seinen Einfluss in Richtung Mardin, Cizre und Nusaybin aus. Den Herrscher Botans, Mir Sevdin, zwang er, seine Autorität anzuerkennen. Bis 1834 führte er auch Feldzüge nach Osten in den kadscharischen Iran und eroberte die Region Mukriyan einschließlich Mahabad, Bukan und Piranschahr. Er prägte eigene Münzen und regierte als souveräner Herrscher.
Mir Muhammads Expansion alarmierte Istanbul ebenso wie Teheran. Die Osmanen entsandten 1834 ein großes Heer unter Reschid Mehmed Pascha, unterstützt von den Statthaltern Mossuls und Bagdads. Die ersten osmanischen Truppen hatten Schwierigkeiten mit dem Widerstand Sorans. Doch 1836–1838 wurde die volle osmanische Militärmacht eingesetzt, darunter ein Heer von mehr als 25.000 Mann mit regulären Soldaten, die nach europäischem Vorbild ausgebildet waren. Helmuth von Moltke, der spätere preußische Militärstratege, diente während dieses Feldzugs als Berater.
Mir Muhammad wurde in Rawanduz belagert und zur Kapitulation gezwungen. Er wurde nach Istanbul bestellt und von Sultan Mahmud II. mit einem feierlichen Empfang begrüßt, durfte aber nie nach Kurdistan zurückkehren. Im Dezember 1838 verschwand er in der Schwarzmeerregion; weithin wird angenommen, dass er ermordet wurde. Das Soran-Emirat wurde aufgelöst. Die Verluste waren gewaltig: schätzungsweise 15.000 kurdische Tote, 4.000 Versklavte und 6.000 vertriebene Familien.
Bedr Khan Beg und der Botan-Aufstand (1842–1847)
Nach dem Fall des Soran-Emirats war Botan das mächtigste verbliebene kurdische Fürstentum. Bedr Khan Beg regierte es von der Hauptstadt Cizre aus. Er war 1821 Emir geworden und hatte zwei Jahrzehnte lang an einem starken kurdischen Staat gebaut. Er erhob Steuern, prägte Münzen und organisierte ein Rechtssystem. Nachdem er 1839 in der Schlacht von Nizip an der Seite der Osmanen gekämpft hatte, ging er als vorherrschender kurdischer Machthaber im zentralen Kurdistan hervor.
Bis 1842 erklärte Bedr Khan faktisch seine Unabhängigkeit. Er prägte eigene Münzen für Botan und begann, seine Streitkräfte durch stammesübergreifende Milizeinheiten zu modernisieren. Sein Reich erstreckte sich von Diyarbakir bis Mossul im Westen und in Richtung Urmia im Osten. Er verbündete sich mit Khan Mahmud von Müküs und Nurallah Bey von Hakkari.
Das Botan-Bündnis führte 1843 und 1846 Feldzüge gegen assyrische christliche Gemeinschaften in Hakkari. Diese Ereignisse lösten europäischen diplomatischen Druck auf die osmanische Regierung aus und lieferten den Osmanen einen Vorwand zum Eingreifen. Es ist ein dunkles und umstrittenes Kapitel der kurdischen Geschichte, das die historische Überlieferung eindeutig festhält.
Die Osmanen begannen 1846–1847 ihren entscheidenden Feldzug. Ömer Pascha führte eine 12.000 Mann starke osmanische Streitmacht gegen Botan. Die erste große Schlacht fand nahe Zeitun statt, wo das osmanische Heer Bedr Khans Truppen im offenen Feld besiegte. Ein wichtiger Botan-Kommandant lief zu den Osmanen über und schwächte die kurdische Position entscheidend. Bedr Khan zog sich in die Burg Evruh nahe Eruh zurück. Nach einer achtmonatigen Belagerung kapitulierte er am 4. Juli 1847.
Bedr Khan wurde in Ketten durch den Basar von Cizre geführt und anschließend zunächst nach Istanbul, dann nach Kreta verbannt. Er starb schließlich 1869 in Damaskus. Das Botan-Emirat wurde abgeschafft. Seine Zerstörung bedeutete das Ende des größten autonomen kurdischen Staates des neunzehnten Jahrhunderts.
Der Yezdanser-Aufstand (1854–1855)
Die osmanische Zerstörung Botans blieb nicht unbeantwortet. Yezdanser, auch Yezdanşêr geschrieben, war Bedr Khans Neffe. Man hatte ihm die Anerkennung als Herrscher Botans versprochen, wenn er seinen Onkel während des Feldzugs 1847 nicht unterstützte. Als die Osmanen dieses Versprechen brachen, begann Yezdanser 1854–1855 einen Aufstand.
Der Yezdanser-Aufstand war die letzte große kurdische Erhebung der Emiratszeit. Er war besonders bedeutend, weil er während des Krimkriegs (1853–1856) stattfand, als die osmanischen Militärressourcen stark beansprucht waren. Dennoch konnten die Osmanen den Aufstand unterdrücken. Yezdanser wurde besiegt, gefangen genommen und verbannt. Mit seinem Fall erlosch der letzte Rest des alten kurdischen Emiratssystems.
Das Ende der kurdischen Emirate
Die Zerstörung der kurdischen Emirate zwischen 1830 und 1855 gehörte zu den folgenreichsten Veränderungen der kurdischen Geschichte. Jahrhundertelang hatten die Emirate einen Rahmen kurdischer Selbstverwaltung innerhalb des osmanischen Systems geboten. Kurdische Emire sprachen Recht, führten Heere, regelten die Beziehungen zu benachbarten Mächten und bewahrten eigenständige kurdische politische Identitäten. Die Zentralisierungskampagnen beseitigten all dies.
Die Emirate hinterließen ein tiefes politisches Vakuum. Ohne die Emire wandte sich die kurdische Gesellschaft zwei anderen Autoritätsquellen zu: Stammesführern und religiösen Scheichs. Ein religiöser Führer, Scheich Ubeydullah von Nehri, sollte 1880 den nächsten großen kurdischen Aufstand anführen und versuchen, die Leerstelle der Emire zu füllen. Der Übergang von der Emiratspolitik zu scheichgeführten Aufständen sollte den kurdischen Widerstand des folgenden Jahrhunderts prägen.
Die militärischen Lehren dieser Zeit sind eindeutig. Die kurdischen Emirate fielen, weil sie einzeln statt gemeinsam kämpften. Mir Muhammad wollte sie gewaltsam vereinen, entfremdete aber durch seine Angriffe auf benachbarte kurdische Emire mögliche Verbündete. Bedr Khan schuf eine Koalition, konnte Überläufe jedoch nicht verhindern. Die Osmanen nutzten diese Spaltungen rücksichtslos aus. Einigen kurdischen Führern boten sie Amnestie, während sie andere zerschlugen. Die Unfähigkeit, gegen zentralisierende Reiche ein dauerhaftes kurdisches politisches und militärisches Bündnis zu bilden, sollte das zentrale strategische Problem der kurdischen Geschichte bleiben.
Zeitleiste
1806–1808 – Aufstand Abdurrahman Pascha Babans gegen die osmanische Herrschaft.
1812 – Aufstand Babanzade Ahmed Paschas.
1829 – Aufstand in Cizre gegen osmanische Garnisonen.
1830–1834 – Mir Muhammad von Rawanduz erobert Bahdinan, Amedi und Akre und führt Feldzüge in Richtung Mardin und Cizre.
1831 – Soran erobert das Bahdinan-Emirat und dessen Hauptstadt Amedi.
1834 – Soran führt Feldzüge gegen Botan. Ein osmanisches Heer unter Reschid Mehmed Pascha wird entsandt.
1836–1838 – Osmanische Unterwerfung des Soran-Emirats. Mir Muhammad wird in Rawanduz belagert und kapituliert.
Dezember 1838 – Mir Muhammad stirbt, vermutlich durch Mord. Das Soran-Emirat wird aufgelöst.
1842 – Bedr Khan Beg erklärt faktisch seine Unabhängigkeit. Botan beginnt, Münzen zu prägen.
1843 – Das Botan-Bündnis führt Feldzüge im Gebiet Hakkari.
1846 – Zweiter Hakkari-Feldzug. Der europäische diplomatische Druck wächst.
1846–1847 – Osmanischer Feldzug gegen Botan. Schlacht nahe Zeitun. Belagerung der Burg Evruh.
4. Juli 1847 – Bedr Khan kapituliert in der Burg Evruh. Verbannung nach Istanbul, dann nach Kreta.
1850 – Das Baban-Emirat wird abgeschafft. Sulaimaniyya wird unmittelbar der osmanischen Herrschaft unterstellt.
1854–1855 – Yezdanser-Aufstand. Letzte Erhebung der kurdischen Emiratszeit. Der Aufstand wird niedergeschlagen.
Häufig gestellte Fragen
Was waren die kurdischen Emirate?
Die kurdischen Emirate waren autonome Fürstentümer innerhalb des Osmanischen und des Persischen Reiches. Sie wurden von erblichen kurdischen Emiren regiert. Zu den wichtigsten gehörten Baban (Sulaimaniyya), Soran (Rawanduz), Botan (Cizre), Bahdinan (Amedi), Hakkari und Ardalan (Sanandadsch). Sie unterhielten eigene Heere, erhoben Steuern, sprachen Recht und handelten häufig nahezu vollständig unabhängig von den Zentralregierungen in Istanbul und Teheran.
Wer war Mir Muhammad von Rawanduz?
Mir Muhammad (1783–1838), bekannt als Mirê Kor, der Blinde Fürst, war Emir von Soran. In den 1830er Jahren versuchte er, die kurdischen Emirate durch militärische Eroberung zu vereinen. Er eroberte Bahdinan und Akre und dehnte seinen Einfluss bis Mardin, Cizre und in den kadscharischen Iran aus. Schließlich wurde er durch einen gewaltigen osmanischen Feldzug besiegt. Er kapitulierte und wurde wahrscheinlich 1838 ermordet. Neben Bedr Khan Beg wird er als einer der Wegbereiter des kurdischen Nationalismus beschrieben.
Wer war Bedr Khan Beg?
Bedr Khan Beg (1803–1869) war der letzte Mir des Botan-Emirats mit Zentrum in Cizre im heutigen Südosten der Türkei. Er errichtete das mächtigste kurdische Fürstentum des neunzehnten Jahrhunderts, prägte eigene Münzen und versuchte, sein Militär zu modernisieren. Osmanische Truppen besiegten ihn 1847 nach achtmonatiger Belagerung. Er wurde verbannt und starb 1869 in Damaskus. Die Familie Bedirkhan sollte noch über Generationen eine bedeutende Rolle in der kurdischen Politik spielen.
Weshalb zerstörte das Osmanische Reich die kurdischen Emirate?
Ihre Zerstörung war Teil der umfassenderen osmanischen Zentralisierungspolitik der Tanzimatzeit. Diese sollte autonome örtliche Herrscher durch eine unmittelbare Provinzverwaltung ersetzen. Die Osmanen fürchteten, dass mächtige kurdische Emire, insbesondere Mir Muhammad und Bedr Khan, die Münzen prägten und Heere aufstellten, dem Beispiel Muhammad Alis von Ägypten folgen und sich vollständig vom Reich lösen könnten. Durch die Zerstörung der Emirate setzten die Osmanen direkte Kontrolle durch, beseitigten aber zugleich die politischen Strukturen, die die kurdische Gesellschaft jahrhundertelang regiert hatten.
Weshalb gelang den kurdischen Emiren keine Vereinigung?
Die kurdischen Emire waren durch Stammesrivalitäten, Gebietsstreitigkeiten und unterschiedliche Beziehungen zum Osmanischen und zum Persischen Reich gespalten. Mir Muhammad wollte sie durch die Eroberung benachbarter Emirate vereinen und machte damit mögliche Verbündete zu Feinden. Bedr Khan schuf eine Koalition, doch wichtige Verbündete liefen während des osmanischen Feldzugs über. Die Osmanen nutzten diese Spaltungen systematisch aus: Einigen kurdischen Führern boten sie Vereinbarungen an, während sie andere angriffen. Das Fehlen eines geeinten kurdischen politischen Bündnisses bleibt eines der zentralen Themen der kurdischen Militär- und Politikgeschichte.
Was geschah nach der Zerstörung der kurdischen Emirate?
Nach dem Wegfall der Emire ordnete sich die kurdische Gesellschaft um zwei andere Machtzentren neu: Stammesführer und religiöse Führer, die Scheichs. Scheich Ubeydullah von Nehri begann 1880 den ersten kurdischen Aufstand nach der Emiratszeit. Er wollte einen geeinten kurdischen Staat schaffen, der sowohl osmanische als auch kadscharische Gebiete umfasste. Die Gründung der Hamidiye-Reiterei 1891 war der osmanische Versuch, die militärische Macht kurdischer Stämme in den eigenen Dienst zu stellen. Der Übergang von emiratsgeführter Politik zu scheichgeführten und nationalistischen Aufständen prägte die nächste Epoche kurdischer Militärgeschichte.
Quellen
Wikipedia – Mir-Muhammad-Aufstand
McDowall, David, Eine moderne Geschichte der Kurden, I.B. Tauris, 2004.
Jwaideh, Wadie, Die kurdische Nationalbewegung: ihre Ursprünge und Entwicklung, Syracuse University Press, 2006.
Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Die Geschichte der kurdischen Politik in der Neuzeit (übersetzt von M. Aras), Pêrî Publications, 1998.