Am 12. Mai 1974 wurde in einem Gefängnishof in Bagdad eine zweiundzwanzigjährige Kurdin aus Khanaqin vom irakischen Baath-Regime gehängt. Ihr Name war Leyla Qasim. Sie hatte an der Universität Bagdad Soziologie studiert und sich in der kurdischen Nationalbewegung engagiert. Man nahm sie fest, stellte sie vor ein Revolutionsgericht, verurteilte sie wegen Verbrechen gegen den Staat und richtete sie hin. Sie war die erste Kurdin, die im Irak wegen politischen Engagements hingerichtet wurde. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt. In den Jahrzehnten seit ihrem Tod wurde sie zu einer der bekanntesten Märtyrerinnen der kurdischen Geschichte. Ihr Bild erscheint auf Wandgemälden in der Region Kurdistan, Schulen und Straßen tragen ihren Namen, und ihre Geschichte wird als Verkörperung des Mutes und der Opferbereitschaft kurdischer Frauen erzählt.
Inhaltsverzeichnis
1. Teil 1: Khanaqin — Eine kurdische Stadt in den Bergen
2. Teil 2: Studentin in Bagdad — Kurdische Identität in der Hauptstadt der Baath-Partei
3. Teil 3: Die kurdische Studentenbewegung — Organisation unter Überwachung
4. Teil 4: Das Märzmanifest und die enttäuschte Hoffnung
5. Teil 5: Festnahme — Der Sicherheitsstaat der Baath-Partei schlägt zu
6. Teil 6: Prozess und Urteil — Ein Revolutionsgericht
7. Teil 7: Die Hinrichtung — 12. Mai 1974
8. Teil 8: Die Reaktion — Internationale Proteste und kurdische Trauer
9. Teil 9: Mythos und Mensch — Legende und Geschichte unterscheiden
10. Teil 10: Vermächtnis — Die ewige Blume Kurdistans
Teil 1: Khanaqin — Eine kurdische Stadt in den Bergen
Leyla Qasim wurde 1952 in Khanaqin geboren, einer kurdischen Stadt im heutigen Gouvernement Sulaimaniyya der Region Kurdistan im Irak. Sie wuchs unter Bedingungen auf, die jene kurdische Jugendgeneration prägten, die in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren erwachsen wurde. Dazu gehörten das Wissen um die Septemberrevolution, die Mustafa Barzani in den Bergen anführte, die Begegnung mit der nationalistischen Politik des kurdischen intellektuellen und studentischen Lebens sowie die unmittelbare Erfahrung der zunehmend aggressiven staatlichen Politik gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Die Baath-Partei hatte 1968 die Macht im Irak übernommen. In den kurdischen Gebieten verfolgte sie eine Arabisierungspolitik, während sie zugleich kurdische politische Persönlichkeiten für sich gewinnen und den bewaffneten Widerstand unterdrücken wollte.
Teil 2: Studentin in Bagdad — Kurdische Identität in der Hauptstadt der Baath-Partei
Leyla Qasim wurde an der Universität Bagdad aufgenommen und studierte dort kurdische Sprache und Literatur. Im baathistischen Irak war diese bemerkenswerte Studienwahl selbst ein politischer Akt. Die Entscheidung, in der Hauptstadt eines Staates die Sprache und Kultur des eigenen Volkes zu studieren, während dieser Staat beides zu unterdrücken versuchte, zeigte persönliche Überzeugung und politischen Einsatz. Bagdad war in den frühen 1970er Jahren eine Stadt intensiver politischer Überwachung und Kontrolle. Der Sicherheitsapparat der Baath-Partei beobachtete die politische Aktivität der Studenten. Für kurdische Studierende an der Universität Bagdad war politisches Engagement tatsächlich gefährlich: Eine Festnahme konnte Folter, Verschwindenlassen oder Hinrichtung bedeuten.
Teil 3: Die kurdische Studentenbewegung — Organisation unter Überwachung
Leyla Qasim beteiligte sich in Bagdad an kurdischer studentischer Politik. Wie genau ihr Engagement aussah, ist in der historischen Überlieferung unvollständig dokumentiert und umstritten. Die Anklage des Baath-Regimes behauptete Verbindungen zur KDP und eine Beteiligung an Aktivitäten zur Unterstützung des bewaffneten kurdischen Widerstands. Klar ist, dass die Sicherheitskräfte sie als kurdische politische Aktivistin identifizierten, dass sie während des umfassenderen Vorgehens gegen kurdische politische Aktivitäten 1974 festgenommen wurde und dass die Anklagepunkte schwer genug waren, um zu einem Todesurteil zu führen.
Teil 4: Das Märzmanifest und die enttäuschte Hoffnung
Den politischen Hintergrund von Leyla Qasims Festnahme und Hinrichtung prägte das Märzmanifest von 1970, eine Vereinbarung zwischen der Baath-Regierung und Mustafa Barzani, die innerhalb von vier Jahren kurdische Autonomie versprach. Bis 1974 wurde deutlich, dass die Baath-Regierung das Autonomieabkommen nicht einhalten würde. Im März 1974 verkündete sie ein eigenes Autonomiegesetz. Diese Form kurdischer Selbstverwaltung blieb weit hinter dem Vereinbarten zurück und wurde von der KDP abgelehnt. Der bewaffnete Konflikt begann erneut. Landesweit verschärfte sich das Vorgehen gegen kurdische politische Aktivitäten. In diesem Zusammenhang wurde Leyla Qasim festgenommen und vor Gericht gestellt.
Teil 5: Festnahme — Der Sicherheitsstaat der Baath-Partei schlägt zu
Leyla Qasim wurde 1974 von den Sicherheitskräften des Baath-Regimes festgenommen. Die genauen Umstände ihrer Festnahme sind historisch nicht vollständig geklärt. Fest steht, dass man sie festnahm, inhaftierte und jenen Verhörmethoden unterwarf, die der Sicherheitsapparat regelmäßig gegen politische Gefangene einsetzte und die systematische Folter einschlossen. Ihre Festnahme war Teil einer breiteren Verhaftungswelle gegen kurdische politische Aktivisten in Bagdad 1974. Das Muster war typisch für autoritäre Sicherheitsstaaten, die einer aktiven bewaffneten Opposition gegenüberstehen. Der Sicherheitsapparat ging weitläufig vor und nahm neben Menschen mit direkten Verbindungen zur bewaffneten Bewegung auch Angehörige jener sozialen Netzwerke fest, die mit kurdischer politischer Aktivität verbunden waren.
Teil 6: Prozess und Urteil — Ein Revolutionsgericht
Leyla Qasim stand vor einem Revolutionsgericht des Baath-Regimes. Diese besonderen Militärtribunale behandelten politische Straftaten und boten praktisch keine Verfahrensgarantien. Angeklagte hatten keinen Anspruch auf einen Rechtsbeistand ihrer Wahl; unter Folter gewonnene Beweise waren zulässig; die Richter waren Parteitreue ohne Unabhängigkeit. Man verurteilte sie wegen Verbrechen gegen den irakischen Staat, ihrer Beteiligung an KDP-Aktivitäten und Handlungen im Zusammenhang mit dem bewaffneten kurdischen Widerstand zum Tode. Nach manchen Berichten bot man ihr eine Umwandlung der Strafe an, falls sie ihrem kurdischen Nationalismus abschwöre. Kurdisch-nationalistische Darstellungen halten fest, dass sie dies ablehnte und den Tod dem Verrat an ihrer Sache vorzog.
Teil 7: Die Hinrichtung — 12. Mai 1974
Leyla Qasim wurde am 12. Mai 1974 hingerichtet. Man erhängte sie in einem Bagdader Gefängnis. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und die erste Kurdin in der irakischen Geschichte, die wegen politischen Engagements hingerichtet wurde. Die Berichte über ihre Hinrichtung betonen ihre Fassung. Kurdische mündliche und schriftliche Überlieferungen berichten, dass sie mutig in den Tod ging, dem Regime bis zuletzt trotzte und mit dem Ruf nach kurdischer Freiheit starb. In dieser Zeit richtete man auch andere kurdische Aktivisten hin, darunter vier Männer am selben Tag. Ihre Namen sind weniger bekannt als ihrer. Ein Grund dafür liegt in der besonderen symbolischen Bedeutung einer kurdischen Märtyrerin in einer Gesellschaft, in der die politische Teilnahme von Frauen historisch eingeschränkt war.
Teil 8: Die Reaktion — Internationale Proteste und kurdische Trauer
Die Nachricht von Leyla Qasims Hinrichtung verbreitete sich in kurdischen Exilgemeinschaften und löste Proteste in Europa und im Nahen Osten aus. Gemeinschaften der kurdischen Diaspora demonstrierten vor irakischen Botschaften. Die kurdische Exilpresse veröffentlichte Berichte über ihren Prozess und ihre Hinrichtung, die sie als Märtyrerin der kurdischen Sache darstellten. Internationale Menschenrechtsorganisationen griffen ihre Geschichte als Beispiel für die systematische Verletzung politischer und bürgerlicher Rechte durch das Baath-Regime auf. In der Region Kurdistan bewahrte man ihre Erinnerung durch mündliche Überlieferung und Gedichte zu ihren Ehren. Nach der Gründung der Regionalregierung Kurdistans 1992 wurde das Gedenken öffentlicher und institutioneller. Straßen, Schulen und öffentliche Orte in Sulaimaniyya und anderswo erhielten ihren Namen.
Teil 9: Mythos und Mensch — Legende und Geschichte unterscheiden
Die historische Leyla Qasim wird teilweise von der Märtyrererzählung verdeckt, die sich in den fünfzig Jahren seit ihrer Hinrichtung um sie gebildet hat. Menschen, die in nationalistischen Bewegungen zu Märtyrern werden, verwandeln sich durch Gedenken und Mythologisierung gewöhnlich in Symbole, deren Bedeutung über die einzelne Person hinausreicht. Die historische Überlieferung stützt Folgendes: Sie war eine kurdische Studentin, engagierte sich politisch für kurdische Anliegen, wurde 1974 festgenommen, vor ein Revolutionsgericht gestellt, wegen politischer Verbrechen verurteilt und am 12. Mai 1974 mit zweiundzwanzig Jahren hingerichtet. Die Unterscheidung zwischen dem historischen Menschen und der Märtyrerfigur ist wichtig, mindert aber ihre Bedeutung nicht. Die Legende ist um einen tatsächlichen Kern von Mut und Opferbereitschaft gewachsen. Das entstandene Symbol spiegelt wirkliche Erfahrungen kurdischer Frauen wider, die sich für politisches Engagement statt für Sicherheit entschieden.
Teil 10: Vermächtnis — Die ewige Blume Kurdistans
Im Kurdischen ist Leyla Qasim als „ewige Blume Kurdistans“ bekannt. Der Titel verweist auf ihre Jugend beim Tod und auf die Schönheit, die ihr Andenken in der kurdischen mündlichen Überlieferung erhält. Ihre Bedeutung reicht über das Politische hinaus. Sie verkörpert die Möglichkeit weiblichen Heldentums in einer Tradition, die der politischen Handlungsfähigkeit von Frauen nicht immer Raum gab. Sie starb mit zweiundzwanzig Jahren, bevor sie Einrichtungen schaffen oder Bewegungen anführen konnte. Ihre Kraft liegt allein in der Geste, in ihrer Weigerung und darin, den Tod der Unterwerfung vorzuziehen. In den fünfzig Jahren seit ihrer Hinrichtung haben kurdische Frauen auf dieser Tradition aufgebaut: Kämpferinnen der PKK und YPJ, Politikerinnen kurdischer Parteien, Intellektuelle und Führungsfiguren der Zivilgesellschaft, die die kurdische Gesellschaft zu größerer Gleichberechtigung geführt haben. Sie alle handeln in einer politischen Kultur, die auch von der Erinnerung an Leyla Qasim geprägt ist.
Chronologie wichtiger Ereignisse
1952 — In Khanaqin, Gouvernement Sulaimaniyya, Irak, geboren.
Späte 1960er bis frühe 1970er Jahre — Studiert Soziologie an der Universität Bagdad und beteiligt sich an kurdischer studentischer Politik.
März 1970 — Das Märzmanifest: Baath-Regierung und KDP vereinbaren kurdische Autonomie innerhalb von vier Jahren. Das Versprechen wird nie erfüllt.
1974 — Die Baath-Regierung verkündet ihr eigenes begrenztes Autonomiegesetz; die KDP lehnt es ab; der bewaffnete Konflikt beginnt erneut; Leyla Qasim wird festgenommen.
Anfang 1974 — Vor ein baathistisches Revolutionsgericht gestellt, wegen Verbrechen gegen den Staat verurteilt und zum Tode verurteilt.
12. Mai 1974 — In Bagdad durch Erhängen hingerichtet. Alter: 22. Erste Kurdin, die im Irak wegen politischen Engagements hingerichtet wird.
1974 bis heute — Ihre Erinnerung bleibt in der kurdischen mündlichen Überlieferung erhalten. In der gesamten Region Kurdistan tragen Straßen, Schulen und öffentliche Orte ihren Namen.
Quellen
1. McDowall, David. A Modern History of the Kurds. I.B. Tauris, 1996.
2. Jwaideh, Wadie. The Kurdish National Movement. Syracuse University Press, 2006.
3. Hanna Batatu. The Old Social Classes and the Revolutionary Movements of Iraq. Princeton University Press, 1978.
4. Romano, David. The Kurdish Nationalist Movement. Cambridge University Press, 2006.
5. Human Rights Watch. Genocide in Iraq: The Anfal Campaign Against the Kurds. 1993.
6. Bruinessen, Martin van. Agha, Shaikh and State. Zed Books, 1992.
7. Marr, Phebe. The Modern History of Iraq. Westview Press, 2004.
8. Natali, Denise. The Kurds and the State. Syracuse University Press, 2005.
Häufige Fragen
Wer war Leyla Qasim?
Leyla Qasim (1952–1974) war eine kurdische Studentin der Universität Bagdad. Sie studierte Soziologie und beteiligte sich an kurdisch-nationalistischen politischen Aktivitäten. Das Baath-Regime nahm sie 1974 fest und stellte sie vor ein Revolutionsgericht. Am 12. Mai 1974 wurde sie mit zweiundzwanzig Jahren durch Erhängen hingerichtet. Sie war die erste Kurdin, die im Irak wegen politischen Engagements hingerichtet wurde, und wird in der kurdischen Kultur als Märtyrerin verehrt.
Warum wurde Leyla Qasim hingerichtet?
Ein baathistisches Revolutionsgericht verurteilte sie wegen Verbrechen gegen den irakischen Staat, insbesondere wegen ihrer Beteiligung an der Demokratischen Partei Kurdistans und an Aktivitäten im Zusammenhang mit dem bewaffneten kurdischen Widerstand. Ihre Hinrichtung fiel in die erneute Konfliktphase, nachdem die Baath-Regierung die im Märzmanifest von 1970 versprochene kurdische Autonomie nicht verwirklicht hatte. Damals ging das Regime im gesamten Irak umfassend gegen kurdische politische Aktivisten vor.
Warum ist Leyla Qasim für das kurdische Gedenken so bedeutend?
Sie steht für das besondere Opfer kurdischer Frauen im nationalen Kampf und zeigt, dass auch Frauen für ihren politischen Einsatz mit dem Leben bezahlten. Als „ewige Blume Kurdistans“ bekannt, starb sie mit zweiundzwanzig Jahren und zog den Tod dem Abschwören ihrer Sache vor. In der kurdischen Kultur ist sie politische Märtyrerin und Symbol weiblichen Mutes zugleich. Ihr Andenken hat Generationen kurdischer Frauen im politischen und gesellschaftlichen Leben inspiriert.
