Sonntag, 22. Februar 2026

Willkommen zur ersten Ausgabe von Kurdische Sonntagsnachrichten. Jeden Sonntagmorgen bieten wir auf 3.000 Wörtern einen umfassenden, vertieften Blick auf geopolitische, kulturelle und humanitäre Entwicklungen, die Kurden im Nahen Osten und in der weltweiten Diaspora betreffen.

Die vergangene Woche war eine der prägendsten der jüngeren Zeit. Von den hochrangigen diplomatischen Gesprächen der Münchner Sicherheitskonferenz bis zu den lokalen Feiern des Internationalen Tages der Muttersprache wird die kurdische „nationale Frage“ neu bestimmt. Wir erleben einen Übergang von bewaffneter Autonomie zu einer komplexen, folgenreichen Eingliederung in zentralisierte Staaten, während in den „vergessenen“ Winkeln der Landkarte eine schwere humanitäre Krise entsteht.

1. Die „Muttersprache“ als politische Frontlinie

Gestern, am 21. Februar, war Internationaler Tag der Muttersprache. Für die weltweit 35 Millionen Kurden war dies mehr als ein Tag kulturellen Erbes: Es war ein Tag politischen Widerstands.

In der Türkei (Bakur):

Abgeordnete der prokurdischen Partei für Gleichheit und Demokratie der Völker (DEM-Partei) kamen in Diyarbakır zusammen, um Ankara eine deutliche Botschaft zu senden. Erstmals seit Jahren wandelte sich die Rhetorik von „kultureller Anerkennung“ zur formellen Forderung nach verfassungsrechtlichem Schutz.

  • Das Stigma der „unbekannten Sprache“: DEM-Abgeordnete schrieben offiziell an das türkische Bildungsministerium und die UNESCO. Sie kritisierten, dass Kurdisch in Parlamentsprotokollen weiterhin als „unbekannte Sprache“ eingestuft wird.

  • Dialektschutz: Besondere Aufmerksamkeit galt Zazaki und Kurmandschi. Aktivisten warnen, diesen Dialekten drohe ohne institutionelle Unterstützung in Schulen das „sprachliche Aussterben“.

In der Diaspora:

Die Konföderation der kurdischen Diaspora (KDC), mit Zentren in Deutschland, Schweden und Großbritannien, veröffentlichte eine Erklärung zur „nationalen Verantwortung“. Sie argumentierte, für Kurden im Exil sei die Muttersprache die „letzte Garantie nationalen Überlebens“. Die KDC versprach, Mittel zu mobilisieren, damit Kurdisch die wichtigste Sprache im Haushalt bleibt, auch wenn sich die dritte Diasporageneration in europäische Gesellschaften integriert.

In Irakisch-Kurdistan (KRI):

Präsident Masoud Barzani und Ministerpräsident Masrour Barzani nutzten den Tag, um das Modell „pluralistischen Zusammenlebens“ der KRI der Unterdrückung andernorts gegenüberzustellen. Sie betonten, die KRI sei eine „Wiege der Vielfalt“, in der Syrisch, Turkmenisch und Armenisch neben Kurdisch unterrichtet werden. Regionale Kritiker merkten jedoch an, dass selbst in der KRI die „Standardisierung“ von Sorani und Kurmandschi weiterhin intern umstritten ist.

2. Rojava: Das „Integrationsabkommen“ und der Schatten des Staates

Die mit Abstand wichtigste Entwicklung der Woche ist die beschleunigte Umsetzung des Integrationsabkommens vom 30. Januar zwischen den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und der neuen Übergangsregierung in Damaskus unter Ahmed al-Scharaa.

Die Rückkehr des Flughafens:

Gestern übernahm die syrische Zivilluftfahrtbehörde offiziell die Verwaltung des internationalen Flughafens Qamischli. Dies ist ein erheblicher symbolischer und strategischer Schlag gegen die seit über einem Jahrzehnt bestehende Teilautonomie der Region.

  • Unter staatlichem Dach: Technische Delegationen aus Damaskus prüften diese Woche die Flughafeninfrastruktur. Geplant ist die Wiederaufnahme internationaler Flüge unter „staatlicher Souveränität“.

  • Sicherheitskräfte: Kräfte des syrischen Innenministeriums haben gemeinsame Patrouillen mit den lokalen kurdischen Asayish (innere Sicherheit) in Hasaka und Qamischli begonnen. Die UN bezeichneten dies als „Fortschritt in Richtung Stabilität“; kurdische Familien vor Ort misstrauen der Rückkehr staatlicher Sicherheitsapparate jedoch weiterhin zutiefst.

Der Staatsbürgerschaftserlass:

Ein „Lichtblick“ für die Gemeinschaft war diese Woche die Umsetzung des Präsidialerlasses vom 16. Januar. Tausende Kurden, denen vor Jahrzehnten die syrische Staatsangehörigkeit entzogen worden war, die Ajanib und Maktoumeen, erhalten endlich Staatsbürgerschaftspapiere. Für viele verändert dies das Leben und ermöglicht Reisen, Eigentum und Wählen, allerdings um den Preis jener „revolutionären Autonomie“, für deren Aufbau sie seit 2012 kämpften.

3. Die humanitäre Krise: Die Belagerung Kobanes

Während staatliche Dienste nach Qamischli zurückkehren, ist Kobane (Ain al-Arab) zu einem „schwarzen Loch“ humanitärer Vernachlässigung geworden.

Eine 32-tägige Blockade:

Die Stadt bleibt unter einer erstickenden Belagerung durch regierungsnahe Stammesmilizen und Fraktionen der „Übergangsregierung“.

  • Wasservergiftungen: Da es nur zwei Stunden täglich Strom gibt, ist die Wasserversorgung der Stadt zusammengebrochen. Mehr als 550 Vergiftungsfälle wurden gemeldet, weil Einwohner auf verschmutzte Brunnen ausweichen.

  • Der UN-Besuch: Eine Delegation von UN-OCHA gelangte diese Woche endlich in die Stadt. Ihr Bericht war erschütternd: „Lebenswichtige Medikamente für Herzkrankheiten und Diabetes sind nicht vorhanden. Krankenhäuser arbeiten mit Generatoren ohne Treibstoff.“

  • Politische Geiselnahme: Der Kurdische Nationalrat (ENKS) bezeichnete die Belagerung als „kollektive Bestrafung“ und vermutete, Damaskus benutze Kobane als Druckmittel, um der SDF-Führung in den laufenden Verfassungsgesprächen weitere Zugeständnisse abzuringen.

4. Irakisch-Kurdistan: Das „Präsidentschaftspoker“ in Bagdad

In Erbil und Bagdad hat das politische „Eis“ zwischen KDP und PUK ein gefährliches Spannungsniveau erreicht und blockiert die Bildung der Bundesregierung.

Der Kampf um die Präsidentschaft:

  • Nizar Amedi gegen Fuad Hussein: Die PUK hält an Nizar Amedi fest, während die KDP Fuad Hussein unterstützt. Trotz Berichten über eine „positive Atmosphäre“ bei Treffen am 11. und 18. Februar bestätigte eine verlässliche KDP-Quelle heute Morgen, dass keine endgültige Einigung erzielt wurde.

  • Der „militärische Bruch“: Diese Woche eskalierten Spannungen im irakischen Parlament, als der stellvertretende Parlamentspräsident der KDP Farhad al-Atrushi aus Protest gegen die Ernennung des Generalstabschefs einen Auszug anführte. Die Kurden argumentieren, ihr Ausschluss aus der höchsten militärischen Führung sei ein „Bruch der nationalen Partnerschaft“ nach 2003.

5. Die „große Überstellung“: IS-Gefangene und der US-Abzug

Die US-Militärpräsenz in der Region befindet sich in ihrer letzten „Aufräumphase“ und führt zu einer der größten Gefangenenüberstellungen der modernen Geschichte.

Operation Inherent Resolve (Der letzte Akt):

  • 7.000 Gefangene: Diese Woche bestätigten die USA, dass sie insgesamt 7.000 IS-Verdächtige aus syrischen Gefängnissen in den Irak überstellen.

  • Das „rechtliche schwarze Loch“: Menschenrechtsgruppen, darunter Human Rights Watch, schlagen Alarm. Sie warnen, dass syrische und nichtsyrische Verdächtige einer irakischen Justiz übergeben werden, die für summarische Hinrichtungen und Folter berüchtigt ist.

  • Die Übergabe von Al-Schaddadi: Das US-Zentralkommando CENTCOM schloss den Abzug aus dem Stützpunkt Al-Schaddadi am 15. Februar ab. Die syrische Armee übernahm umgehend die Kontrolle. Damit endete der US-„Schutzschild am Boden“, der jahrelang die kurdischen Kerngebiete geschützt hatte.

6. Iran: Ein „Winter des Blutes“

Das Menschenrechtsnetzwerk Kurdistan (KHRN) veröffentlichte diese Woche einen verheerenden Bericht über die Unterdrückung in Rojhilat, dem iranischen Kurdistan.

  • Die Zahl der Toten: KHRN hat inzwischen 240 kurdische Todesopfer bei den Protesten seit Januar 2026 bestätigt.

  • Gezielte Kopfschüsse: Aussagen von Familien zeigen ein Muster tödlicher Schüsse auf Kopf und Hals durch Einheiten der iranischen Revolutionsgarden.

  • Finanzielle Erpressung: Ein erschreckendes Detail des Berichts: Sicherheitsorgane verlangen in manchen Städten von Familien „erhebliche Geldsummen“, allein um die Leichen ihrer Angehörigen zur Bestattung herauszugeben.

Fazit: Die veränderte Landkarte

Region

Zustand

Wichtigster Ausblick

Rojava

In Eingliederung

Übergang von SDF zum syrischen Staat; Staatsbürgerrechte gewährt.

KRI

Festgefahren

KDP-PUK-Rivalität blockiert die Bildung der irakischen Bundesregierung.

Türkei

In Verhandlungen

DEM-Partei drängt auf Kurdisch in der neuen Verfassung.

Iran

Unterdrückt

240+ bestätigte Todesopfer; Zustand eines „stillen Krieges“ in kurdischen Städten.

Kurdische Sonntagsnachrichten kehrt nächste Woche zurück. Zum Beginn der letzten Februarwoche richten sich alle Blicke auf die Belagerung Kobanes und die Möglichkeit eines „Durchbruchs bei der Präsidentschaft“ in Bagdad.