Im Herbst 1880 überschritten Zehntausende bewaffnete kurdische Kämpfer unter dem Befehl Scheich Ubeydullahs von Nehri die Grenze vom osmanischen Gebiet in den Iran der Kadscharen. Sie eroberten Städte, nahmen Gebiete ein und brachten kurzzeitig einen Teil Nordwestirans unter kurdische Kontrolle. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte hatte ein kurdischer Führer ausdrücklich das Ziel eines geeinten kurdischen Staates formuliert und es mit militärischer Gewalt verfolgt.

Der Aufstand scheiterte. Dennoch markierte er einen Wendepunkt der kurdischen Militärgeschichte: den Übergang vom Widerstand der Emiratszeit zum modernen nationalistischen Aufstand. Scheich Ubeydullah war kein Emir, der sein Erbe verteidigte. Er war ein religiöser Führer, der kurdische Stämme über die osmanisch-iranische Grenze hinweg für ein politisches Anliegen mobilisierte, das über eine einzelne Dynastie oder ein einzelnes Gebiet hinausging.


Inhaltsverzeichnis

Das Machtvakuum nach dem Ende der Emirate

Der Aufstand gegen die Osmanen 1879

Der Einfall in den Iran 1880

Rückzug und Folgen

Die Hamidiye-Reiterei: Einbindung kurdischer Militärmacht durch die Osmanen

Zeitleiste

Häufig gestellte Fragen

Quellen


Das Machtvakuum nach dem Ende der Emirate

Die Zerstörung der kurdischen Emirate zwischen 1830 und 1855 hatte in ganz Kurdistan ein politisches Vakuum hinterlassen. Die erblichen Emire, die die kurdische Gesellschaft jahrhundertelang regiert hatten, waren besiegt, verbannt oder getötet worden. An ihrer Stelle setzte das Osmanische Reich eine unmittelbare Provinzverwaltung ein, die häufig korrupt, unfähig und kurdischen Interessen gegenüber feindselig war.

In dieses Vakuum traten religiöse Führer, insbesondere die Scheichs des Sufiordens Naqschbandiyya-Chalidiyya. Sie konnten auf eine Loyalität zählen, die Stammesgrenzen überschritt, und besaßen damit eine größere politische Reichweite als einzelne Stammesführer. Der mächtigste unter ihnen war Scheich Ubeydullah von Nehri. Sein Netz von Sufianhängern erstreckte sich sowohl über das osmanische als auch über das iranische Kurdistan.

Der russisch-osmanische Krieg von 1877–1878 destabilisierte Kurdistan weiter. Kurdische Stammeskontingente kämpften auf osmanischer Seite und erwarben dabei militärische Erfahrung und moderne Waffen. Nach dem Krieg war die osmanische Herrschaft in den östlichen Provinzen geschwächt. Kurdische Führer, die die Verwundbarkeit des Reiches selbst erlebt hatten, fühlten sich ermutigt. In den späten 1870er Jahren waren die Bedingungen für einen Aufstand gegeben.

Der Aufstand gegen die Osmanen 1879

Die erste Phase von Scheich Ubeydullahs Aufstand begann 1879. Auslöser war ein Streit zwischen dem Herki-Stamm und dem osmanischen Kaymakam, dem Bezirksstatthalter von Yüksekova. Scheich Ubeydullah sandte Boten zu kurdischen Stammesführern in der gesamten Region und rief zum bewaffneten Widerstand gegen die osmanische Missverwaltung auf.

Dieser erste Aufstand blieb begrenzt, zeigte aber etwas Bedeutendes: Scheich Ubeydullah konnte mithilfe seiner religiösen Autorität Kämpfer verschiedener Stammeszugehörigkeiten mobilisieren. Die Osmanen entschieden sich gegen eine sofortige Zerschlagung, weil sie seine militärischen Fähigkeiten in einem künftigen Krieg gegen Iran für nützlich hielten. Dieses strategische Zögern gab ihm Zeit, einen wesentlich größeren Feldzug vorzubereiten.

Der Einfall in den Iran 1880

Im August 1880 kamen ungefähr 220 kurdische Stammesführer zu einem Kriegsrat zusammen. Sie beschlossen einen umfassenden Einfall in das iranische Kurdistan. Das Ziel war, Gebiete auf der iranischen Seite der Grenze einzunehmen und eine zusammenhängende kurdisch kontrollierte Zone zu schaffen, die weder Istanbul noch Teheran ignorieren konnte.

Nach den Maßstäben von Stammeskriegen war die kurdische Streitmacht gewaltig. Schätzungen reichen bis zu 80.000 Kämpfern, obwohl die eigentliche Kampftruppe wahrscheinlich kleiner war. Sie waren gut bewaffnet und verfügten über Martini-Henry-Hinterladergewehre, die während und nach dem russisch-osmanischen Krieg erworben worden waren. Im September 1880 schrieb Scheich Ubeydullah an den britischen Konsul und den amerikanischen Missionar Joseph Cochrane. Er erläuterte seine Beschwerden über den Kadscharenstaat und formulierte seine Vorstellung kurdischer Selbstbestimmung.

Der Einfall erzielte zunächst rasche Erfolge. Kurdische Truppen überschritten die Grenze und nahmen mehrere Städte und Bezirke Nordwestirans ein. Scheich Ubeydullahs Sohn Abdulkadir führte eine Streitmacht bis Mahabad, das sie mehrere Tage hielten. Die kadscharischen Behörden wurden überrascht. Für kurze Zeit stand ein bedeutender Teil des iranischen Kurdistans unter kurdischer Militärkontrolle.

Das Kadscharenreich reagierte jedoch mit Gewalt. Reguläre iranische Truppen aus Täbris, verstärkt durch örtliche schiitische Freischärler, rückten gegen die kurdischen Stellungen vor. Der iranische Gegenangriff war brutal. Nach ungefähr acht Wochen Kampf mussten sich die kurdischen Truppen wieder über die Grenze zurückziehen. Sie operierten weit von ihren Versorgungsbasen entfernt und verfügten nicht über die Belagerungsmittel, um befestigte Städte gegen reguläre Truppen zu halten.

Rückzug und Folgen

Nach dem Rückzug kehrte Scheich Ubeydullah nach Nehri zurück und reiste anschließend nach Istanbul. Er hoffte auf osmanische diplomatische Unterstützung für sein Anliegen. Die Osmanen und Kadscharen verhandelten über die Krise und verlangten jeweils Entschädigungen voneinander. Scheich Ubeydullah war zwischen zwei Reichen gefangen, die ihn beide als Bedrohung betrachteten.

Im August 1882 verlor Scheich Ubeydullah die Hoffnung, kurdische Autonomie auf diplomatischem Wege auszuhandeln. Die Osmanen, die ihn als Verhandlungsmasse benutzt hatten, verbannten ihn schließlich nach Mekka. Dort starb er 1883. Sein Traum eines geeinten kurdischen Staates blieb unerfüllt.

Trotz seines Scheiterns war der Aufstand militärisch bedeutsam. Scheich Ubeydullah hatte gezeigt, dass ein kurdischer Führer Zehntausende über die osmanisch-iranische Grenze hinweg mobilisieren konnte. Er hatte bewiesen, dass gut bewaffnete und motivierte kurdische Stammeskämpfer gegen ein reguläres Heer Gebiete einnehmen und zumindest zeitweise halten konnten. Ein ihm zugeschriebener Brief an den britischen Konsul in Täbris enthielt zudem eine der frühesten dokumentierten Äußerungen kurdischen Nationalbewusstseins. Darin wurde erklärt, die Kurden seien ein eigenständiges Volk, dem Selbstverwaltung zustehe.

Die Hamidiye-Reiterei: Einbindung kurdischer Militärmacht durch die Osmanen

Die osmanische Antwort auf Scheich Ubeydullahs Aufstand bestand aus militärischer Unterdrückung und strategischer Einbindung. Sultan Abdülhamid II. gründete 1891 die Hamidiye-Reiterei: irreguläre leichte Reiterregimenter, die aus loyalen kurdischen und anderen Stammesgruppen der östlichen Provinzen rekrutiert wurden. Nach dem Vorbild der russischen Kosaken erhielten ausgewählte kurdische Stammesführer einen offiziellen Militärstatus, staatlichen Sold und Waffen im Austausch für ihre Loyalität.

Die Hamidiye erfüllten einen doppelten Zweck. Sie boten dem osmanischen Staat eine kostengünstige Grenzverteidigung gegen Russland und spalteten zugleich die kurdischen Stammesführungen, indem sie Kooperationsbereite belohnten und Widerständige an den Rand drängten. Die Hamidiye-Regimenter waren auch an der antiarmenischen Gewalt von 1894–1896 beteiligt. Diese historisch sensible Dimension verdeutlicht, wie die osmanische Instrumentalisierung kurdischer Militärmacht verheerende Folgen für Minderheiten in der Region hatte.

Das Hamidiye-System war die letzte Strategie des Osmanischen Reiches zum Umgang mit kurdischer Militärmacht: Kurdische Krieger sollten unter strenger politischer Kontrolle in das Reichsmilitär eingegliedert werden, statt sie zu bekämpfen. Kurzfristig war dies wirksam. Es konnte jedoch die Welle kurdischer Aufstände nach dem Ersten Weltkrieg nicht verhindern, als das Osmanische Reich selbst zusammenbrach.


Zeitleiste

1855 – Der Yezdanser-Aufstand wird niedergeschlagen. Die letzte kurdische Erhebung der Emiratszeit endet.

1877–1878 – Russisch-osmanischer Krieg. Kurdische Stammeskontingente kämpfen an der osmanischen Ostfront.

1879 – Scheich Ubeydullahs erster Aufstand gegen die osmanische Herrschaft, ausgelöst durch den Streit zwischen Herki-Stamm und Kaymakam.

August 1880 – Ein Rat von 220 kurdischen Stammesführern beschließt den Einfall in das iranische Kurdistan.

September–Oktober 1880 – Kurdische Truppen überschreiten die iranische Grenze und nehmen mehrere Städte ein. Abdulkadir erreicht Mahabad.

Ende 1880 – Ein kadscharischer Gegenangriff aus Täbris erzwingt nach acht Wochen den kurdischen Rückzug.

1881 – Scheich Ubeydullah reist nach Istanbul und sucht osmanische diplomatische Unterstützung.

1882 – Die Verhandlungen scheitern. Scheich Ubeydullah wird nach Mekka verbannt.

1883 – Scheich Ubeydullah stirbt im Exil in Mekka.

1891 – Sultan Abdülhamid II. gründet die Hamidiye-Reiterei aus kurdischen Stammesangehörigen.

1894–1896 – Beteiligung der Hamidiye an antiarmenischer Gewalt in Ostanatolien.


Häufig gestellte Fragen

Wer war Scheich Ubeydullah?

Scheich Ubeydullah von Nehri, gestorben 1883, war ein kurdischer Naqschbandi-Sufiführer aus der Region Hakkari. Er führte 1880–1881 den ersten modernen kurdischen Aufstand an. Er mobilisierte Zehntausende kurdische Kämpfer über die osmanisch-iranische Grenze hinweg und begann einen Einfall in das iranische Kurdistan. Ein ihm zugeschriebener Brief enthält eine der frühesten dokumentierten Äußerungen kurdischen Nationalbewusstseins. Nach dem Scheitern des Aufstands wurde er nach Mekka verbannt und starb dort 1883.

Weshalb gilt Scheich Ubeydullahs Erhebung als erster moderner kurdischer Aufstand?

Anders als die Aufstände der Emiratszeit, die bestehende erbliche Vorrechte verteidigten, formulierte Scheich Ubeydullahs Erhebung ausdrücklich das Ziel kurdischer Selbstbestimmung. Er wollte ein geeintes kurdisches politisches Gemeinwesen über die osmanisch-iranische Grenze hinweg schaffen. Dies war ein eindeutig modernes, nationalistisches Ziel. Zudem mobilisierte er Kämpfer über Stammesgrenzen hinweg durch religiöse Autorität statt durch dynastische Loyalität. Damit wurde seine Bewegung zum Vorbild für den kurdischen Nationalismus des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wie groß war Scheich Ubeydullahs Heer?

Die Schätzungen schwanken stark. Quellen legen nahe, dass Scheich Ubeydullah insgesamt bis zu 80.000 Kämpfer aufbieten konnte. Die eigentliche Invasionstruppe, die nach Iran vorrückte, war jedoch deutlich kleiner. Die Kämpfer waren gut mit modernen Martini-Henry-Hinterladergewehren ausgerüstet. Ungefähr 220 kurdische Stammesführer waren an der Entscheidung zum Einfall beteiligt, ein bemerkenswertes Beispiel stammesübergreifender Koordination.

Weshalb scheiterte der Aufstand?

Er scheiterte aus mehreren Gründen. Den kurdischen Truppen fehlten die logistische Infrastruktur und die Belagerungsmittel, um tief im Iran Gebiete gegen Gegenangriffe regulärer Heere zu halten. Das Kadscharenreich mobilisierte reguläre Truppen aus Täbris, die den kurdischen Stammeskämpfern in längeren konventionellen Kämpfen überlegen waren. Die Osmanen verweigerten diplomatische und militärische Unterstützung, obwohl sie den Aufstand zunächst geduldet hatten. Auch das kurdische Stammesbündnis selbst war fragil. Seine Mitglieder verfolgten unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Interessen.

Was war die Hamidiye-Reiterei?

Die Hamidiye-Reiterei war ein System irregulärer leichter Reiterregimenter, das Sultan Abdülhamid II. 1891 gründete. Sie wurden überwiegend aus kurdischen und anderen Stammesgruppen der östlichen osmanischen Provinzen rekrutiert. Nach dem Vorbild der russischen Kosaken erhielten Stammesführer offiziellen Militärstatus und Waffen im Austausch für Grenzverteidigung und politische Loyalität. Das System sollte die kurdische Militärmacht einbinden, nachdem Scheich Ubeydullahs Aufstand die Bedrohung durch unabhängige kurdische bewaffnete Aktionen gezeigt hatte.

Welches Vermächtnis hinterließ Scheich Ubeydullahs Aufstand?

Er schuf ein Muster für den modernen kurdischen Nationalismus: eine grenzüberschreitende Bewegung unter einer charismatischen Führung, die Kämpfer verschiedener Stämme mobilisierte, ausdrücklich politische Ziele formulierte und internationale Anerkennung suchte. Jeder spätere kurdische Aufstand, von Scheich Said 1925 über Scheich Mahmud Barzandschi in den 1920er Jahren bis zur Gründung der Republik Mahabad 1946, knüpfte in gewisser Weise an das Vorbild an, das Scheich Ubeydullah 1880 geschaffen hatte.


Quellen

Wikipedia – Aufstand Scheich Ubeydullahs

Ozoglu, Hakan, Im Namen des Kalifen und der Nation: der Scheich-Ubeidullah-Aufstand von 1880–81, Iranian Studies, Band 47, Nr. 5, 2014.

Jwaideh, Wadie, Die kurdische Nationalbewegung: ihre Ursprünge und Entwicklung, Syracuse University Press, 2006.

McDowall, David, Eine moderne Geschichte der Kurden, I.B. Tauris, 2004.

Celil, Celilé, 1880 Şeyh Ubeydullah Nehri Kürt Ayaklanması, Istanbul, 1998 (aus dem Russischen übersetzt).